Lublin und sein Umland – Eine Region in der vieles zu Entdecken ist

Die meisten Deutschen, die ein paar Tage oder länger nach Polen reisen, haben meistens entweder die polnische Ostseeküste, Masuren oder aber für eine Städtereise Warschau als Ziel. Doch gibt es in Polen eigentlich viel mehr schöne Städte und Regionen. Eine davon ist die alte polnische Residenzstadt Lublin mit ihrem Umland, die dieses Jahr (2017) ihren 700. Geburtstag feiert.

Mit 340.000 Einwohnern ist das rund 180 Kilometer von Warszawa (Warschau) entfernte Lublin die größte Stadt im Osten Polens, am östlichsten Zipfel der EU. Mit fünf Universitäten sowie zahlreichen Hochschulen und wissenschaftlichen Instituten ist es zudem eines der wichtigsten Forschungs- und Bildungszentren. So kommen während der Semester noch circa 70 000 Studenten als Einwohner hinzu. Übrigens einer der bekanntesten Hochschullehrer war der Krakauer Philosophie-Professor Karol Wojtyla, der fast 25 Jahre lang an zwei Tagen in der Woche nach Lublin pendelte – bis er 1978 Papst Johannes Paul II. wurde.

Im 14. und 15. Jahrhundert war Lublin wichtiges Handelszentrum und den polnischen Königen direkt unterstellt, die das dortige Schloss zur prächtigen Residenz ausbauten. Im Jahr 1569 wurde in Lublin die Union von Polen und Litauen besiegelt, die zu einem der größten und mächtigsten Staaten der frühen Neuzeit in Europa wurde.

Die Lage soweit im Osten, nur wenige Kilometer von der ukrainischen Grenze und der ukrainischen Stadt Lemberg entfernt, spricht schon von sich aus dafür, dass die Region im Laufe ihrer 700jährigen Geschichte viel erlebt hat. Der frühere Handelsverkehr von der Ostsee ans Schwarze Meer und von Spanien nach Russland hat der Stadt mit ihren Kaufleuten und Bürgern zum Wohlstand verholfen.

Prachtvolle Bauten, von italienischen Architekten entworfen und von geschickten jüdischen Handwerkern aus deutschen Landen ausgeführt, legten ein sichtbares Zeugnis dieses früheren Wohlstandes ab.

Das Krakauer Tor öffnet den Königsweg durch die mittelalterliche Stadtanlage zum Lubliner Schloss. Am Weg stehen Bürgerhäuser, die den Geist der Renaissancezeit tragen. Etwas abseits erhebt sich die nach einem verheerenden Stadtbrand 1575 im Renaissancestil wieder aufgebaute Dominikaner-Basilika. Nicht weit davon steht die Erzkathedrale mit ihrer barocken Fassade und einem klassizistischen Kreuzgang. Am Markt steht unübersehbar das grandiose Alte Rathaus, das 1578 königliches Gericht wurde.

Diese gut erhaltene Altstadt ist das Touristisches Zentrum mit zahlreichen Restaurants, Cafés und Kneipen, die besonders auch von den zahlreichen Lubliner Studenten bevölkert wird.

Jahrhunderte lang haben in Lublin Christen östlicher und westlicher Orientierung mit Juden friedlich zusammengelebt. Die kleine Dreifaltigkeits-Kapelle im Schloss, im 14. Jahrhundert vom Polenkönig Kasimir dem Großen gestiftet, ist vollständig mit Fresken ausgemalt, die Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zeigen – wie auch Darstellungen der Kirchenväter aus der westlichen römischen und der byzantinisch-russischen Kirche.

Aber die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, das Wüten des Nationalsozialismus, der Stalinismus, der Sozialismus haben in der Stadt ihre Spuren der Zerstörung und Vernichtung von Menschen, Gebäuden und Kulturgütern hinterlassen. Die Diktatoren des 20. Jahrhunderts überzogen Kunstschätze brachial mit Putz und missbrauchten die Sakralbauten als Gefängnisse und Folterstätten. Erst in den jüngsten zwei Jahrzehnten wurden Gebäude wiederaufgebaut und Kunstschätze restauriert, natürlich mit finanzieller Hilfe der Europäischen Union.

Nicht mehr zu retten war das, an die Altstadt angrenzende, rund 14 Hektar große jüdische Viertel rund um das Lubliner Schloss, in dem bis 1939 mehr als 40 000 Menschen zu Hause waren. Seit diesem Jahr hat Lublin zu mindestens angefangen es zu sanieren, um das Viertel auch für Touristen attraktiver zu machen. Die deutschen Besatzer hatten die Bauten dem Erdboden gleichgemacht und die Bewohner deportiert und ermordet.

Auch wenn heute kaum mehr Juden in der Stadt leben, ist doch überall in der Stadt das Gedenken an die große jüdische Vergangenheit zu erkennen, wie auch durch besondere Pflastersteine, welche die Grenzen des jüdischen Ghettos markieren.

Lublin hat auch ein jüdisches Restaurant mit koscherer Küche, wobei das offizielle Siegel dafür fehlt, das Mandragora (www.mandragora.lublin.pl/language-eng).

Der großen jüdischen Vergangenheit der einstigen Königsstadt widmet sich seit Jahren das Zentrum „Grozdka-Tor – Teatr NN“, was keinesfalls ein Theater ist, sondern ein Museum, eine Forschungs- und Begegnungsstätte. Hier werden u.a. Informationen, Berichte, Interviews, Fotografien, Briefe und andere Erinnerungsstücke zu allen an die 1.500 von Juden bewohnten Häuser des jüdischen Viertels von den weltweit verstreuten Zeitzeugen, Überlebenden und deren Nachkommen gesammelt und ausgewertet. Für jedes dieser Häuser und für jeden Lubliner Juden des Jahrs 1939 gibt es einen Aktenordner mit allen bekannten Informationen, insgesamt an die 43.000 Akten.

Auch finden im „Teatr NN“ Lesungen, Performances und Diskussionen, aber auch Treffen der Nachkommen statt.

Wer starke Nerven besitzt, kann Einzelheiten im sechs Kilometer vor Lublin liegenden ehemaligen Konzentrationslager Maydanek erfahren, das 1941 erst als Lubliner Kriegsgefangenenlager der Waffen-SS, später dann bis zur Befreiung im Juli 1944 als Todeslager genutzt wurde. Etwa 80.000 Menschen aus 26 Ländern haben hier auf grausamste Weise ihr Leben verloren.

Hier wird das Grauen der NS-Zeit für jeden begreifbar, sei es wenn man in den Gaskammern die Original-„Duschen“ sieht mit den Spuren des tödlichen Gases an den Wänden, oder am Mahnmal, wo die Asche mit Knochenresten der Opfer, zum Gedenken mahnen soll.

Aber Lublin hat sich nie unterkriegen lassen und ist heute wieder das, was es auch schon früher war, eine lebendige, weltoffene Stadt voller Leben.

Eine königliche Stadt feiert Geburtstag

So feiert sie dieses Jahr die Verleihung der Stadtrechte von König Wladyslaw I. Łokietek vor 700 Jahren am 15. August 1317.

Es finden den ganzen Geburtstags-Sommer über Festivals, Märkte und Musikereignisse statt, mit Programmen für Theater-, Literatur-, Jazz- und Film-Liebhaber, wo auch schon in normalen Jahren der Kalender im Sommer überläuft von kulturellen Festivals.

Besucher und Einwohner können in die Stadtgeschichte abtauchen, Kunst aus der Region und aller Welt erleben. Bereits bei der Eröffnung des Festjahres nahmen Orchester und Chöre die Besucher mit auf eine musikalische Reise durch die reiche Geschichte der Stadt.

Optischer Höhepunkt wird der jedes Jahr stattfindende Karneval der Artisten und Magier vom 22. bis 30. Juli sein, der diesmal auch Gastgeber für die 40. Europäische Jonglierkonvention, Europas größtes Jonglierfestival ist, bei dem die besten Jongleure aus ganz Europa ihre Kunst zeigen – am Boden wie auch auf dem Hochseil.

Inspiriert wurde der Karneval der Artisten und Magier übrigens von dem Roman „Der Magier von Lublin“ des Literaturnobelpreisträgers Isaac B. Singer.

Kleinode in der Umgebung

In der Umgebung befinden sich zudem so attraktive Ziele wie die Renaissancestädte Zamość und Kazimierz Dolny, sowie die wildromantischen Nationalparks Polesie und Roztocze, wo man auch auf Elche, Wildpferde, Schildkröten und viele andere Tiere in freier Wildbahn treffen kann.

Die Renaissance-Stadt Zamosc

Wer mit dem Auto im Lubliner Land unterwegs ist oder eine Busfahrt nicht scheut, sollte unbedingt einen Abstecher ins knapp 100 Kilometer entfernte Zamosc ins Auge fassen. Hier fühlt man sich eigentlich eher in Italien, als in Polen. Diese Stadt ist als Auftragsarbeit in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auf dem Reißbrett des italienischen Architekten Bernardo Morando entstanden – als „ideale Stadt“, Renaissance pur.

Jan Zamoyski, Großkanzler und Feldherr der polnischen Krone hatte die Stadt in Auftrag gegeben. Da er in Padua studiert hatte, zeitweise sogar Rektor der Universität Padua war, wollte er eine Stadt im Norden schaffen, die Padua ähnlich sei. Nachfahren von ihm, haben auch heute noch, in der Politik und Gesellschafft der Stadt viel Einfluss.

Um die Stadt schnell mit Leben zu füllen, lud er Kaufleute aus aller Welt ein, hier einige der schönsten Gebäude zu errichten. Viele Armenier, Griechen und Juden kamen und gerade Armenier leben auch heute noch viele in dieser Stadt. Im Restaurant Muzealna (http://ormianskiepiwnice.pl/en/) kann man daher erstklassig armenisch essen.

Der Blick fällt über einen weitläufigen Marktplatz, auf ein herrschaftliches Rathaus mit Turm und ausladender Freitreppe, umgeben von bunten, Bürgerhäusern und schattigen Arkadengängen. Zamosc, inzwischen auch Unesco-Weltkulturerbe, ist ein Gesamtkunstwerk mit einem Schloss, einer Kathedrale, alten Kirchen der unterschiedlichen Religionen, Wehranlagen und Bastionen, die unter anderem den Schweden-Angriffen widerstanden haben. Zamosc ist anders als Lublin bestens auf Touristen eingestellt und bietet mit einem gut aufgebauten Audioguide in deutscher Sprache einen erstklassigen Begleiter für einen individuellen Rundgang durch die Stadt und die in den alten Festungsanlagen untergebrachten Militärmuseen.

Kazimierz Dolny an der Weichsel

Ein weiteres Kleinod liegt fast auf dem Weg zwischen Lublin und Warschau, Kazimiercz Dolny an der Weichsel. Das im Mittelalter gegründete Städtchen ist aufgrund seiner landschaftlich schönen Umgebung mit vielen wildromantischen Hohlwegen und der historischen Altstadt ein beliebtes Ziel für Touristen, Ausflügler und Datscha-Besitzer.

Über der Stadt thront die Burgruine aus dem 14. Jahrhundert, welche einen Blick hatte auf den früheren Schifffahrtsweg nach Danzig und den damaligen Handelshafen. Die Stapelhäuser für heimisches Getreide und Waren aus aller Welt haben die Bürger der Stadt reich gemacht. Davon zeugen kunstvoll verzierte Bürgerhäuser der Renaissance, malerische hölzerne Villen, Arkaden und Veranden, die alle nach der politischen Wende des vorigen Jahrhunderts nach und nach ihre alte Pracht wiedererlangten.

Fazit

Lublin und sein Umland sind sicherlich kein Ziel für den massenhaften Städtetourismus, aber gerade das macht den Reiz aus. Die Menschen sind hier offen, hilfsbereit und Passanten fragen auch gerne mal, woher man den kommt und erzählen etwas von sich, wenn es die Sprachkenntnisse erlauben.

Leider gibt es in Lublin, anders als in Zamosc, nur wenige Informationsbroschüren und Informationstafeln auf Deutsch, viele in Englisch, aber manchmal auch nur in Polnisch. Ein Audioguide für Stadtführungen gibt es leider nicht. Doch vielleicht ändert sich das, wenn mehr Touristen kommen werden. Dazu trägt sicherlich auch bei, dass es seit diesem Jahr einen Direktflug von München nach Lublin gibt. Aus anderen deutschen Städten, gibt es viele Direktflüge nach Warschau, von wo man am besten mit dem Bus oder Auto in circa zwei Stunden nach Lublin kommt. So kann man den Besuch von Lublin auch ideal mit einem Besuch von Warschau verbinden.

Weitere Informationen zur Stadt unter www.lublin.eu , zu Zamosc unter www.zamosc.pl  und zu Informationen über Reisen nach Polen beim Polnischen Fremdenverkehrsamt unter www.polen.travel

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